Im Rahmen meiner genealogischen Forschung stoße ich immer wieder auf Dokumente, die über reine Lebensdaten hinausgehen und einen unmittelbaren Einblick in historische Lebenswirklichkeiten geben.

Eines dieser Dokumente betrifft meinen Urgroßvater William Kornelius Gustav Früchtning, der während der NS-Zeit im Zuchthaus Butzbach inhaftiert war.

Die vorliegende Akte datiert vom 11. November 1944 und enthält eine eigenhändige Erklärung über gesundheitliche Schäden, die im Zusammenhang mit der ihm zugewiesenen Arbeit entstanden sind.

Haft und Zwangsarbeit im Zuchthaus Butzbach

Aus der Akte geht hervor, dass William Kornelius Gustav Früchtning seit August 1943 im Betrieb der sogenannten OHM beschäftigt war.

Im Rahmen dieser Tätigkeit musste er gemeinsam mit einem weiteren Gefangenen schwere Kisten aus einem Hof in eine Bonderie tragen.

Jede dieser Kisten wog nach eigener Angabe etwa 80 Kilogramm, insgesamt seien an einem Tag rund 100 Kisten transportiert worden.

Bereits am folgenden Morgen traten bei ihm starke Schmerzen auf. In seiner Erklärung schildert er:

„Schon am nächsten Morgen war bei mir ein Hoden geschwollen und schmerzte mich sehr.“

Zunächst wurde ihm ärztlich mitgeteilt, die Beschwerden würden von selbst zurückgehen. Da jedoch keine Besserung eintrat, stellte er sich erneut beim Anstaltsarzt vor. Dort wurde schließlich ein Hodenbruch festgestellt.

Medizinische Folgen und dokumentierte Vorsorge

In der Akte wird festgehalten, dass ihm infolge der Diagnose ein Suspensorium ausgehändigt und eine andere Arbeit zugewiesen werden sollte.

Besonders bemerkenswert ist jedoch der abschließende Passus der Erklärung:

„Ich gebe dies hiermit zu Protokoll, im Falle mir hieraus noch nachteilige Folgen erwachsen sollten, da der Hodenbruch durch das Tragen der schweren Kisten entstanden ist.“

Dieser Satz verdeutlicht, dass sich der Betroffene der möglichen langfristigen gesundheitlichen Folgen bewusst war und versuchte, diese vorsorglich aktenkundig festzuhalten – ein Umstand, der auf eine erhebliche Unsicherheit über die eigene Zukunft hinweist.

Einordnung

Zwangsarbeit war ein fester Bestandteil des NS-Strafvollzugs. Körperlich schwere Tätigkeiten, unzureichende medizinische Versorgung und verspätete Diagnosen waren keine Ausnahme.

Gesundheitliche Schäden wurden häufig zunächst verharmlost oder erst nach wiederholtem Vorstelligwerden anerkannt.

Das vorliegende Dokument zeigt exemplarisch, wie sich diese Haftbedingungen konkret auf einzelne Menschen auswirkten – nicht abstrakt, sondern anhand eines individuellen Schicksals.

Bedeutung für die Familienforschung

Für meine genealogische Forschung stellt diese Akte einen wichtigen Baustein dar.

Sie macht deutlich, dass die Auswirkungen der NS-Zeit nicht mit dem Ende des Krieges endeten, sondern sich in Form von gesundheitlichen, sozialen und familiären Folgen über Generationen hinweg fortsetzten.

Solche Quellen helfen dabei, Lebensläufe besser zu verstehen und familiäre Brüche, Erkrankungen oder Belastungen in einen historischen Zusammenhang einzuordnen.

Zuchthaus Butzbach – 1944